Reise in Kirgistan

mit Susanne & Walter Schläppi
21. Juli bis 4. August 2004
Tagebuch von Silvio Mira
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Di, 20.07.04: Anreise
Da sind wir jetzt also in Bischkek, wir 4 Frauen + 1 Mann. Das Einchecken klappte bestens. Meine Sorge, mit dem Gepäck die Gewichtslimite zu überschreiten, war völlig unbegründet. Der Flug über Instanbul verlief ruhig und ohne Zwischenfälle, mit guter Verpflegung inkl. Rotwein und klassischer Musik ab Bord-Kopfhörer. Beide Maschinen waren praktisch voll besetzt. Ab Istanbul flogen wir südlich des Schwarzen Meeres über zunehmend gebirgiges Gebiet, bis uns eine von oben flauschig anzusehende Wolkendecke den Blick auf den Boden raubte, uns aber mit leuchtend orangem Widerschein der untergehenden Sonne entschädigte.

Bei der Ankunft in Bischkek winkten uns gleich Susanne und Walter zu, lange bevor wir die umständliche Passkontrolle passiert hatten. Das anschliessende Aufsuchen der Privatwohnungen um Mitternacht erwies sich als überraschend kompliziert. Der Busfahrer verstand kein Kirgisisch, sondern nur Russisch, was Walter und Susanne jedoch nicht sprechen. Er hantierte umständlich mit den Schlüsseln zum Oeffnen der mehrfach verschlossenen Türen. Diese Wohnungen gehören offenbar seinerzeit höher gestellten russischen Einwohnern, die sie jetzt dem Reisebüro zur Beherbergung von Touristen zur Verfügung stellen. Diejenige, in der Annemarie und ich jetzt übernachten, verfügt über warmes Wasser, WC, Badezimmer mit Wanne und Dusche, einen funktionierenden Kühlschrank, Mikrowelle, Gasherd; eben über alles, Was man zum Wohnen braucht. Ihr Prunkstück ist der Salon mit Polstersesseln und einer gut 3 m langen Wohnwand, in der nebst Gläsern – auch kleinen Schnapsgläschen – etliche Bücher, darunter eine Gesamtausgabe von Tolstoi, stehen. Esswaren sind gar keine vorhanden, nicht einmal Zucker oder Salz. Im Schlafzimmer hängt an der Rückwand des Doppelbettes ein geknüpfter Teppich, Zeichen von Reichtum.

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Mi, 21.07.04: Bischkek
Um 11:00 Uhr – so lange dürfen diejenigen, die können, ausschlafen – holen uns Walter und Susanne zum Stadtrundgang ab. Wir seien hier im Stadtzentrum, erklären sie uns. Selbst wären wir angesichts der breiten, von Grün gesäumten, zu dieser Tageszeit fast verkehrsleeren Strassen wohl nicht drauf gekommen. Von einem Riesenrädchen in einem Vergnügungspark aus erhaschen wir einen ersten Blick über die Stadt: Viel Grün, keine hohen Gebäude. Vorüber am Präsidentenpalast kommen wir auf den immens weiten Hauptplatz, seitlich symmetrisch von Geschäftsgebäuden mit hohen Arkaden, im Süden von einem Ministeriumsgebäude mit goldener Kuppel, im Norden vom Historischen Museum begrenzt. Mitten auf dem Platz steht, an Stelle von Lenin, das Monument einer Frau, die das freie Kirgisien versinnbildlicht, das Tündük (Zentrum des Jurtendaches) in der Hand haltend. Viele Kirgisen seien unglücklich darüber, dass man Lenin entfernt und erst noch durch eine Frau ersetzt habe. Wir werden aber im Verlauf der Reise lernen, dass Frauen den Grossteil der Arbeit verrichten und das effektive Oberhaupt der Familien sind. Nebenan stehen als lächerliches Relikt aus sowjetischer Zeit zwei lebende Schildwachen. Lenin aber, der den Kirgisen viel gebracht hat und von ihnen immer noch verehrt wird, hat gleich hinter dem Historischen Museum einen würdigen Platz gefunden. Dieses selbst, ein mächtiger, architektonisch interessant gestalteter Kubus, beherbergt periodisch eine Sonderausstellung der Filzteppiche von Kotschkor.

Weiter führt der Stadtrundgang zum Parlamentsgebäude; dann durch einen der zahlreichen Parks an den diskutierenden Marx und Engels vorbei zum mächtigen und gleichzeitig rührenden Denkmal einer Mutter, die unter dem Rund einer Jurte, eine Schale Kymys in der Hand, die Rückkehr der Männer und Kinder von Feld und Krieg erwartet; weiter durch einen kleinen Kleiderbazar, in dem die Verkäuferinnen und Verkäufer lesend oder Schach spielend in ihren kleinen Kabäuschen sitzen; an der Statue der ersten Kolchosenführerin vorbei; schliesslich zur Rast in einem Gartenrestaurant mit Wasserspie-len. Der Rückmarsch in die Wohnungen ist sehr kurz; wir wohnen wirklich zentral. Ein Hausbewohner muss uns den Umgang mit dem Zahlenschloss an der Haustür vorführen.

Zum Abendessen gehen wir in ein türkisches Restaurant. Wohl für einige Tage zum letzten Mal durchlaufen wir das in dieser Gruppe oft sehr komplizierte Prozedere zur Wahl der Speisen.

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Do, 22.07.04: Issyk-Kul
In Badehose und Faserpelz-Jacke sitze ich am Issyk-Kul. Es weht ein kühler Wind über den angeblich von heissen Quellen erwärmten, grossen See. Die fernen jenseitigen Schneeberge sind mit Wolken verhangen, ebenso jene in meinem Rücken.

Um 6:45 bestiegen wir heute Morgen den Zug. Zwar standen unendlich lange Reihen von Wagen im Bahnhof – schliesslich hat die Linie Anschluss an die Transsibirische Eisenbahn –, aber unser Zug bestand nur aus deren 4. Resolut wurden wir von den Schaffnerinnen hinein komplimentiert. Da sonst kein ganzes freies Abteil zur Verfügung stand, durften wir jenes, das ihnen  als Teestübli dient, besetzen. Ein halb verwelkter Blumenstrauss zierte es. Im späteren Verlauf der Fahrt offerierten sie uns von ihrem Tee, den sie mit heissem Wasser aus dem mit Feuer beheizten Bord-Samowar zubereitet hatten. Die Billette, jeder Coupon im Wert von 5 Som, wurden gewissenhaft von einer Rolle abgezählt und entwertet. Entlang von mageren Feldern, die im Gebiet des Dunganen-Volksstammes deutlich besser gepflegt sind, führte uns der Zug teilweise nah der Grenze zu Kasachstan durchs Cuj-Tal nach Osten. Die Schlucht gegen Ende der gut dreistündigen Fahrt glich Schweizer Bergtälern, allerdings sehr viel karger bewachsen und praktisch ohne Bäume. Am Ende der Fahrt und auch Ende der Bahnstrecke – übrigens der einzigen in Kirgistan – erwartete uns schon unser Logisgeber für heute. Eine kurze Fahrt im Kleinbus brachte uns nach Tamchy am Issyk-Kul. Unterwegs kauften wir am Strassenrand Früchte ein. Am Ziel in Tamchy bezogen wir die Zimmer in einem für Tourismus ausgebauten Privathaus direkt am See. Unser Gastgeber heisst Kudai Bergen = Gott Gegeben und ist der lokale Koordinator für den Tourismus.Die ganze Familie, Eltern + 3 halbwüchsige Kinder, beherbergt hier während der 3-monatigen Saison bis zu 10 Touristen, teils in Zimmern, teils in einer grossen, schön mit Teppichen ausgelegten Jurte. Hier besichtiten wir zum ersten Mal das Innere einer solchen. Bald schon konnten wir uns an den Mittagstisch setzen: Früchteschale, garniert mit den unterwegs am Strassenrand gekauften Kirschen; Salat von Tomaten und Gurken; ein schmackhafter Eintopf mit Schaffleisch-Würfeln und vielerlei Gemüse.

Und jetzt sitze ich also am Strand. Eben hat eine junge, sehr gut Englisch sprechende Kasachin lange mit mir parliert, um mich schlussendlich zu fragen, ob ich ihr bei der Stellensuche in der Schweiz be-hilflich sein könne. Hinter mir auf der Wiese tummeln sich Pferde, Esel, Truten, Gänse, und derart schnell rennende Kälber habe ich noch nie gesehen. Der Feriensaison entsprechend vergnügen sich viele Erwachsene und Kinder am Strand und mit bewundernswerter Ausdauer im doch eher kühlen, salzigen Wasser.

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Fr, 23.07.04: Fahrt nach Kotschkor
Ohne Neid verabschieden wir zwei Radfahrer aus der Schweiz, deren Tour, in den letzten 2 Wochen arg verregnet, sie ans Ende des Issyk-Kul und dann voraussichtlich weiter über hohe, völlig men-schenleere und seit Jahren kaum mehr befahrene Pässe führen soll.

Wir fahren im Kleinbus, unterwegs bei einem geschäftsüchtigen Mädchen Früchte einkaufend, zurück nach Balikchy und weiter nach Kotschkor, dem Ort, in dem Susanne und Walter 5 Jahre lang in der Entwicklungszusammenarbeit tätig waren. Im Rahmen des Touristik-programms „Shepherd’s Life“, das auch sie ins Leben gerufen haben, werden wir von hablichen Ein-wohnern (Aerztin, Schulleiterin) beherbergt – diesmal sogar alle in separaten Zimmern – und verköstigt. Hier in Kotschkor hat wohl jede Familie hinter dem Haus, das oft in Küchenteil und Wohnteil mit Gästezimmern getrennt ist, einen kleinen Hof mit einem Feld und darin einige Ziegen oder Schafe oder eine Kuh. Manche Höfe bieten auch noch Platz für eine Gäste-Jurte für besondere Anlässe. Wir helfen gleich beim Demontieren einer solchen.

Den Nachmittag verbringen wir auf dem kleinen Basar, in den beiden Handicraft-Zentren, die etwa dem Schweizer Heimatwerk entsprechen,  wo vor allem der von Susanne initiierte Verkauf von Filzar-beiten – Teppichen, Taschen, Sitzkissen – stattfindet, sowie mit einer Spitalbesichtigung.

Das Bezirksspital hat, wenn wir es richtig verstanden haben, 110 Betten und über 40 Aerzte. Die Ge-bäude seien vor wenigen Jahren mit Schweizer Hilfe saniert worden; seither habe man die WCs im Hause. Der Chefarzt der Kardiologie – dies ist ein wichtiger Zweig bei den hier häufig auftretenden Fällen von hohem Blutdruck – führt uns durch die verschiedenen Abteilungen, reisst ohne Rücksicht auf die Pati-enten die Türen der trostlosen Zimmer auf, in denen den Wänden entlang 4 durchgelegene Eisenbet-ten stehen, dazu 2 Tische und 1 Nachttisch, sonst nichts. Der Arzt, einen schönen Kirgisenhut tra-gend, spricht nebst Kirgisisch auch Russisch, aber wie fast alle Gebildeten in Kirgistan kein Englisch. Walter dolmetscht aus dem Kirgisischen. Die technischen Räume sind verschlossen, denn es ist nach 16:00, dem Arbeitsschluss für die Verantwortlichen. Auch unsere Gastgeberin Myra ist Aerztin in diesem Spital. Wir haben sie aber tagsüber immer zu Hause angetroffen. Ihr Mann Erkin ist Tiefbau-Ingenieur; auch er hat oft Zeit, uns mit seinem Auto zu kutschieren, das er jeweils vorher innen und aussen reinigt.

Autofahren in Kotschkor besteht aus dem Umfahren von Löchern. Schon die wenigen asfaltierten Strassen haben welche, so dass man manchmal die ganze Strassenbreite ausnützen muss, um ihnen auszuweichen; in den Nebenstrassen sind sie allgegenwärtig. Walter findet es schade, dass sich die Leute nicht zusammen tun, um die Strassen zu flicken und so die Fahrzeuge weniger stark abzunützen. Alte Kinderwagen sind ein beliebtes alternatives Transportmittel.

Auf dem Rückweg rufen uns viele kleinere und kleinste Kinder, gar nicht schüchtern, „Hello“ und „Goodbye“ zu. Kinder müssen hier in Kirgistan viel mitarbeiten, sei es im Haus oder in der Landwirt-schaft. Sie tun es offenbar mit grosser Zuverlässigkeit und sind entsprechend selbstbewusste Persön-lichkeiten. Nicht selten sprechen die Halbwüchsigen sehr gut Englisch, jedenfalls am Besten in der Familie.

Abends geht’s für uns ans grosse Umpacken zur Vorbereitung auf den 4-tägigen ersten Trek zu den Jailoos. Wir können grösseres Gepäck den Pferden aufladen; selbst tragen wir den Tagesrucksack. Die Koffer lassen wir in Kotschkor. Wir müssen uns für Wanderungen bis 3500 m Höhe in Wärme und Kälte ausrüsten, Schnee und Regen sind nicht ausgeschlossen. Es wird keine Duschen und besten-falls kaltes Wasser zum Waschen geben.

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Sa, 24.07.04: Zum ersten Jailoo
Zum Zmorge bekommen wir nebst Brot und Joghurt (Airan) noch je 2 Spiegeleier. Sogar Messer gibt’s diesmal, so dass wir die Butter so aufs Brot streichen können, wie wir’s gewohnt sind. Pünktlich wer-den wir von 2 Autos abgeholt und erst mal zum Viehmarkt gefahren. Es herrscht geschäftiges Treiben. Schafe, Rinder und Pferde werden gehandelt, meist Schlachtvieh. Häufig führen Frauen die Ver-handlungen. Danach werden wir nach Kara Suu, dem Ausgangspunkt des Treks, gebracht. Dort aller-dings sind keine Pferde bereit, und Usman, der Pferdeführer, habe anderswohin gehen müssen. Ue-berhaupt habe man uns an einem andern Tag erwartet. Immerhin kommt Marat, der Englisch spricht und die Führung solcher Treks allmählich sebstständig übernehmen soll, trotz familiärer Verpflichtun-gen mit. Wie bei allem, was man in Kirgisien plant, gilt auch hier „buyursa“, „so Gott will“. Nach einer guten Stunde stehen die 3 Reitpferde jedoch bereit, und als ihr Führer amtet Mirlan, einer der Brüder des Vorgesehenen. Man hilft mir, der ich noch nie geritten bin, aufs Pferd, und los geht’s. Hier haben die Pferde keine Namen. Wir werden meins später „Grüsel“ nennen, weil es bei jeder Gelegenheit an Kothaufen herumriecht. Es reagiert fein auf meine Richtungsweisung, aber träge aufs Antreiben, geht hingegen mit grosser Lust bergauf. 3 Reitpferde für 7 Leute, diese Kombination bewährt sich. Nach Lust und Laune können die einen wandern, die andern reiten.

Der Weg führt erst durch Kartoffel- und Getreidefelder, letztere recht mickrig. Dann steigen wir den Hang hinan, können schöne Panoramablicke aufs Kotschkor-Tal und bald auch in ein Seitental wer-fen. Ein Bach lässt sich nur zu Pferd durchqueren; die Tiere müssen zum Uebersetzen der Fussgän-ger hin und her gebracht werden. Recht bald langen wir im ersten Jailoo, Masar Ükök, an – und siehe da, auch hier werden wir nicht erwartet. Die junge Frau haust hier allein mit einem etwa 7-jährigen Bub, dem etwa ½-jährigen Baby und einem behinderten Halbwüchsigen. Ihr Mann hat Arbeit im Dorf. Das war vielleicht nicht so vorgesehen, als sie sich bei Shepherd’s Life anmeldeten. Erschreckt stürzt die Frau sich in die Arbeit, und schon bald sitzen wir alle gemütlich in ihrer warmen Jurte vor dem reichhaltigen Mahl, das sie mit unglaublicher Behendigkeit herbeizaubert. Keinen Augenblick ruht sie, schenkt Tee nach, bäckt weiter Brot, kümmert sich zwischendurch ums fest eingewickelte Baby, das in der Wieg schläft, oder übergibt es dem Behinderten, der es draussen in einem Kinderwagen-Skelett hin und her fährt. Marat assistiert, indem er das Feuer im Ofen unterhält. Später können wir ihre Geschicklichkeit beim Zubereiten von Nudeln weiter bewundern. Aeusserst effizient geht sie mit den wenigen Hilfsmitteln und dem beschränkten Platz um. Allmählich erholt sie sich vom Stress und taut auf. Noch später, nach dem Abendessen, werden wir sehen, wie sie allein innert einer Stunde die 5 Kühe melkt. Diese Arbeit wird dadurch kompliziert, dass die Kälber zum Anrüsten und Ausmelken ihrer Mütter eingesetzt werden.

Ausserdem wandern Susanne, Walter und ich noch etwas den Hang hinan, werden vom Regen überrascht, suchen Zuflucht in einem andern Jailoo und werden dort von einer Neuntklässlerin sofort mit Kymys bewirtet. Weil es stark regnet, schickt sie den kleinen Bub mit der Windjacke seine etwas ältere Schwester holen, und als die beiden Kinder dann völlig durchnässt heim kommen, wechselt sie ihnen sofort die Kleider. Einmal mehr können wir mit Staunen sehen, wie selbstständig Kinder hier arbeiten und wie gut und zuverlässig sie ihre Aufgaben erledigen.

Item. Zum Nachtessen gibt’s die Suppe mit den eben hergestellten Nudeln, mit Kartoffeln und erst angebratenen, dann mitgekochten Schafsrippen. Dann bereitet unsere Gastgeberin noch unser Nachtlager in der Gäste-Jurte vor: Schaffelle und darüber Decken als Unterlage, weitere Decken zum Zudecken. Nach vielem „Nuschen“ legen wir uns schlafen. Unser dünner Abendgesang kann Marat nicht überzeugen. Er schläft nämlich bei uns, Walter und Susanne hingegen in der Jurte der jungen Frau. Es schickt sich besser so.

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So, 25.07.04: Ueber den Sary Bel Pass zum zweiten Jailoo
Unsere Gastgeberin steht um 05:00 zum Melken der Kühe auf, so dass wir pünktlich um 07:00 unser Frühstück bekommen und dann zeitig aufbrechen können. Mit bewundernswerter Trittsicherheit tragen die Pferde uns durch das mit Felsen durchsetzte Gelände bergan. Ab und zu muss der Bach durchquert werden. Unterwegs gibt Marat uns die köstlich saftigen Stängel von Disteln zu kosten. Beim Zwischenhalt führen uns die Kinder des nahe gelegenen Jailoos ihre Geschicklichkeit beim Reiten auf den ungesattelten Pferden vor, kommen uns aber nie näher als 20 m und freuen sich dann sehr über unsere Täfeli. Ein etwa 3-Jähriger in einem bodenlangen Mäntelchen stapft wacker mit. Die nächste,  wieder etwa eine Stunde dauernde Etappe führt uns auf den Sary Bel Pass in einer Höhe von – je nach Informationsquelle – 3300 bis 3600 m. Der Wind oben ist gar nicht so rau wie erwartet. Ueberhaupt meint’s das Wetter sehr gut mit uns: Vornehmlich Sonnenschein und kein einziger Tropfen Regen. Im jenseitigen Tal erblicken wir bereits den Köl Ükök, den Blauen See. Zügig schreiten und reiten wir nun hinunter zum gleichnamigen Jailoo, in dem wir 2 Nächte verbringen wollen. Dort sieht man uns von weitem heranziehen und bringt zusätzliche Pferde zum Ueberqueren des Baches. Kaum angekommen, dürfen wir uns schon in die Gästejurte zum vorbereiteten Essen setzen. Dieser Jailoo gehört der Familie von Frau Güldjan, die sich als Erste entschied, im Rahmen von Shepherd’s Life Touristen aufzunehmen. Der älteste Sohn Ruslan und seine junge Frau sömmern hier mit Hilfe weiterer Familienmitglieder rund 300 Schafe und Ziegen, 6 Kühe mit ihren Kälbern nebst einigen Rindern und eine von einem Hengst streng geführte Herde von Stuten mit ihren Fohlen. Die Stuten müssen 3 mal täglich gemolken werden zwecks Herstellung der vergorenen Stutenmilch Kymys, die hierzulande überall jedem Gast sofort angeboten und auch ins Tal transportiert und dort verkauft wird. Die geräumige Gästejurte misst gut 5 m im Durchmesser und ist mit unzähligen Decken zum Schlafen ausgerüstet.

Susanne bemängelt, dass kein WC bestehe. Hurtig werden irgendwo her Holzpfähle beschafft, und unter grosser allgemeiner Anteilnahme wird mit ihnen und Sacktuch eine Abdeckung um das bereits bestehende Loch gebaut. Auch die Bretter zum Draufstehen werden noch in den richtigen Abstand gesetzt. So entsteht ein richtiges Luxus-WC. Den Gipfel des Luxus bilden aber die Blätter einer Pflanze, die hier herum wächst. Walter macht uns darauf aufmerksam. Sie sind Hakle-Feucht durchaus ebenbürtig.

Güldjan und ihr Mann sind vom Tal herauf gekommen, um bei der Betreuung von uns Touristen zu helfen. Ausserdem schauen Gruppen von jungen Burschen vorbei, die heute ihren freien Tag haben und gegen Abend in der Ebene am See Reiterspiele veranstalten. Es herrscht also ein reger Betrieb. Susanne sorgt dafür, dass wir Touristen darob nicht vernachlässigt werden; sie erreicht, dass uns das Nachtessen in der Familienjurte statt in der kalten Gästejurte serviert wird. Es gibt den uns mittlerweile vertrauten Salat von Gurken und Tomaten, dann Plov (Pilav) aus Reis, Karotten und Kuhfleisch, au-sserdem wie zu jedem andern Essen Brot, dazu Konfitüre („Varelia“) von Cassis und Himbeeren und frischen Rahm, den man ebenso gut als Butter bezeichnen könnte, so dick ist er, und selbstverständlich Schwarztee, der von der uns betreuenden Frau aufmerksam nachgeschenkt wird. Tee gibt’s immer soviel man will, und das ist oft viel. Der Samowar, draussen angeheizt – meist Aufgabe der Männer – wird in die Jurte gebracht. In einem Kännchen bereitet die Frau mit wenig Wasser Tee-Konzentrat, schüttet dann wenig davon in die Tassen und füllt mit Wasser aus dem Samowar auf. Auf diese Weise kann man sogar individuell verschieden starken Tee bekommen.

Nach dem Essen ist’s draussen dunkel. Beim Licht einer Petrollampe richtet Güldjan fein säuberlich die Decken für unser Nachtlager aus. Diesmal sind wir bereits besser geübt und legen uns rasch schlafen.

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Mo, 26.07.04: Wanderung
Heute ist Ruhetag. Deshalb gibt’s nicht so früh Tagwacht. Strahlende Sonne am wolkenlosen Himmel wärmt uns gleich nach dem Aufstehen. Auch Güldjans Familie beeilt sich nicht sehr mit der Früharbeit. Die Jungen haben heute frei und reiten mit dem ½-jährigen Baby weg, während Güldjan und ihr Mann den Jailoo besorgen. Wir begeben uns auf eine gemütliche Wanderung zum etwa 300 m höher gele-genen See Köl Tör, der in einem kleinen Wasserfall ausfliesst. Ihn umrundend, schreiten wir durch eine äusserst reichhaltige Flora, blicken in die Schneeberge ringsum und durchwaten eiskaltes Gletscherwasser. Gut: Da werden unsere Füsse gleich gewaschen. Wieder haben wir grosses Glück mit dem Wetter: Sonnenschein, von wenigen Wolken durchzogen.

Zum Abendessen gibt’s Rouladen: Teig aus Mehl + Salz + Wasser, dick mit Doppelrahm bestrichen, darauf den Schnittlauch, den wir oben am See gepflückt haben, das Ganze gerollt und im Dampf gekocht. In der Nacht und am nächsten Tag ist uns allen nicht gut im Magen.

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Di, 27.07.04: Abstieg
Die Pferde werden gesattelt und bepackt. Wir machen uns auf den Weg zurück nach Kotschkor. Am Ende des Blauen Sees nehmen wir – kritsch beobachtet von Murmeltieren – Abschied von der Welt der Berge und Jurten, die uns in diesen Tagen etwas vertraut geworden ist. Vor uns tut sich das Tal auf. Es wird ein langer, mühsamer, dursti-ger Weg bis dort, wo wir mit Autos abgeholt werden. Unterwegs passiert ein Unfall: Ein Pferd scheut vor einem vom Wind heran getriebenen Plastiksack – bezeichnenderweise einem Stück Zivilisations-müll – und wirft Rosmarie ab. Dass sie nachher den Rest des Weges trotz Schmerzen im Kopf und am Rücken stramm zu Fuss zurücklegt, ist bewundernswert; ebenso die Zähigkeit von Susanne, die die ganzen 15 km aufs Reiten verzichtet. Erschöpft kommen wir drunten in der heissen Ebene an.

Der Tag ist aber noch keineswegs zu Ende. Unser wartet die Einladung bei Kanybek, dem ehemaligen Chauffeur des Helvetas-Projekts, zu einem Festessen. Auf dem Tisch türmt sich eine unübersehbare Vielfalt von Vorspeisen, vom Reissalat über fleischgefüllte Teigtäschchen,  über Wassermelonen bis zum Süssgebäck, und alles von Kanybeks Frau Jipar selbst zubereitet. Susanne und Walter haben eine Flasche Sekt mitgebracht. Jedes Mal, wenn die Gläser aufgefüllt werden, ist ein guter Wunsch für die Gastgeber fällig. Dann werden wir ins kirgisische Zimmer hinüber gebeten. Ein Tuch auf dem Boden ist hier die Tafel. Ein Junge wäscht uns der Reihe nach die Hände, und wir müssen ihm einen guten Wunsch mitgeben. Dann wird die Fleischsuppe aufgetischt. Anschliessend kommt das Fleisch selbst dran. Walter, der höchste Gast, hat Anspruch auf das beste Stück, die Huft des Schafes. Mir, dem Zweithöchsten, wäre der Kopf zugedacht; aber da ich nicht weiss, wie der zu essen ist, bekomme ich ein anderes Stück. Es folgt eine ganz besondere Delikatesse: Zweischichtige Medaillons aus einem Stück Leber und einem Stück Fettschwanz des Schafes. Das reine Fett ergänzt die trockene Leber hervorragend. Währenddessen schneiden die Männer weiteres Fleisch und Fett in ganz kleine Stückchen. Diese werden dann Nudeln beigemischt, noch etwas Fleischsuppe dazu gegossen, und dann isst man das Ganze von Hand. Das ist kirgisische Tafel mit dem Namen „besh barmak“ = „5 Finger“.

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Mi, 28.07.04: Filzen
Dorftag in Kotschkor zusammen mit der 8-köpfigen Touristengruppe von Imagine Travel. Das gibt viel Betrieb in Haus und Hof der Filzmeisterin Ainagül und ihrer Familie. Wir verfolgen die Herstellung eines Filzteppichs vom Auslegen der Unterlage, dem Anordnen der Ornamente – das ist das Vorrecht der Filzmeisterin –, dem Füllen der Zwischenräume, übers Befeuchten und Einrollen, Stampfen – das ist Aufgabe der Männer –, Walken mit den Unterarmen – Frauenarbeit – bis zum Waschen und Trocknen. Wir können sogar mit viel Kreativität unsere eigenen kleinen Filzdecken schaffen. Auch wie man die Grasmatten, Unterlagen während dem Filzen, herstellt, lernen wir gleich. Im Hof am Boden webt eine pfiffige Alte auf einer raffiniert einfachen Vorrichtung schön gemusterte Jurtenbänder. Es herrscht viel Fröhlichkeit, und an Essen und Tee wird nicht gespart. Der Bauer, zu Zeiten der Sowjetunion ein Kolchos-Oberer und Parteifunktionär, erklärt uns mit grosser Sachkenntnis und blitzenden Augen seinen Betrieb. Als Vater von 10 Kindern erhielt er beim Zusammenbruch recht viel Land und hat seither noch dazu gepachtet. Stolz führt er uns durch seine schönen Kartoffelfelder.

Auch die Schule können wir besichtigen: 650 Schüler, 48 Lehrer, Fachlehrersystem, Frontalunterricht, Klassengrösse 25 bis 30, Einschulung mit 7 Jahren, 9 bis 11 Schuljahre, auch Englisch und Musikunterricht (Maultrommel), alle Wände bedeckt mit Lehrplakaten. Jedes Jahr in den 3-monatigen Sommerferien wird mit viel Liebe alles neu gestrichen.

Vor dem Abendessen in der grossen Jurte unserer Gastgeber werden uns von Kindern (die Gastgeberin ist Lehrerin) in Trachten kirgisische Lieder und Tänze dargeboten. Die kleine Tochter von Myra ist besonders begabt, aber auch besonders kokett.

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Do, 29.07.04: Fahrt nach Kurtka
In 2 Taxis fahren wir über den Dolon-Pass nach Naryn. Unterwegs überholen wir monströse Lastwagen, rauchende Ungetüme, bis zum Durchbiegen mit Altmetall zur Verarbeitung in China beladen. In der Stadt führt uns die lokale Koordinatorin von Shepherd’s Life ins beste Restaurant. Danach besuchen wir die Kunstgalerie, die offenbar vom Provinzgouverneur und seiner Frau gestiftet wurde. Nebst einer Jurte und etwas Kunsthandwerk werden in einem ganzen Saal Werke kirgisischer Künstler aus dem 20. Jahrhundert gezeigt; die meisten stellen das ländliche Leben dar. Ein anderer Saal enthält lauter Porträts von Künstlern und Künstlerinnen, Schriftstellern und Politikern. Des Weiteren gibt’s in Naryn noch die von aussen sehr schmucke, im Innern bescheidene Moschee zu besichtigen. Sonst ist diese Provinzhauptstadt mit ca. 60 000 Einwohnern nach allgemeiner Meinung eher trostlos.

Die Weiterfahrt im Kleinbus führt durch das geologisch hoch interessante Tal des Flusses Naryn, was uns gelegentlich an Landschaften in USA erinnert. Unterwegs gibt's ein Grabmal für zwei Helden zu besichtigen. Nach etwa 2 Std. langen wir im Dorf Kurtka an und werden von den beiden Gastgeberfamilien herzlich begrüsst. Unsere Landlady ist eine pensionierte „Oekonomin“ einer Kolchose, eine sehr interessante, gebildete Frau. Jetzt pflegt sie einen ausgedehnten Garten, und oben auf einer Laube – kein anderes Haus besitzt eine solche – hat sie eine Näh- und Schreibstube eingerichtet. Wir schlafen gut auf weichen Matratzen auf dem Boden. Am nächsten Morgen erweist die Frau sich als zähe Verhandlungspartnerin beim Bezahlen des Preises für die Uebernachtung.

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Fr, 30.07.04: Zum Söng Köl
Im Kleinbus fährt uns der Hausherr ab Kurtka zuverlässig über die selbstverständlich nicht asfaltierte, aber breite Strasse in die Höhe. Tannen stehen im Tal, es sieht aus wie in der Schweiz. Bei einem Zwischenhalt, wo wir die Serpentinen der Strasse bewundern, fliegt ein Adler vorbei. Bald schon lan-gen wir auf dem Pass oben an und können einen ersten Blick auf das Söng-Köl-Gebiet werfen, diese riesige, ringsum von Bergen gesäumte Hochebene, in deren Mitte der rundliche See von ca. 20 km Durchmesser liegt. Ueberall in dieser weiten, grünen, hier und da von sanften Hügeln durchzogenen Landschaft stehen die Jurten, umgeben von den Pferde-, Schaf- und Kuhherden. Edelweiss bedecken den Boden wie Unkraut. Wir lassen die Stille und Weite in unsere Herzen ziehen. Das Kamel samt Jungem gehört zum örtlichen "Hotel". Dieses besteht aus 6 Jurten, in denen man Schlafplätze bekommen kann. Essen muss man vermutlich selbst mitbringen und zubereiten. Der Söng Köl ist mit Fahrzeugen zugänglich, aber das eigentliche Transportmittel ist hier natürlich das Pferd.

 Den Herrn der ersten Jurte, in der wir übernachten, nennen wir seiner eindrucksvollen Gestalt wegen „Brigadier“. Wir können ihn aber auch beim Kartoffelschälen beobachten, und später werden wir sehen, dass er trotz Hüftbeschwerden ohne Hilfe auf ebenem Boden das Pferd besteigen kann. Er braucht seine grosse Gästejurte für die vielen Besucher und eben auch für Touristen. Wir werden von diesen ältern Leuten – Schwiegertochter ist keine da – sehr aufmerksam bedient, aber in der Jurte ist’s leicht schmuddelig. Susanne hat gefragt, ob wir Fisch zum Nachtessen haben können. Seit zwei Jahren sei es verboten, im Söng Köl zu fischen, war die Antwort. Eine halbe Stunde später haben wir den Brigadier mit einem Sack Fische daher marschieren sehen, die es dann prompt als Vorspeise zum Abendessen gibt.

Bei der Rückkehr vom Spaziergang zu einem vermeintlich nahe gelegenen Hügel finden wir 2 eben geborene Zicklein vor. Wie kleine schwarze Wollhäufchen liegen sie am Boden, stehen aber bald auf und staksen auf wackligen Beinen umher. Der Junge hat sie aus der Herde geholt. Es sind seine Spielzeuge. Sie werden die Nacht in der warmen Jurte verbringen dürfen.

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Sa, 31.07.04: Söng Köl
Der Weg dem See entlang zum 2. Jailoo für uns ist nicht weit; drum gehen wir zu Fuss, während hin-ter uns die Leute den Hengst ihrer Herde einzufangen versuchen, der dann, geführt vom „Brigadier“, unser Gepäck transportiert. Unterwegs erwischt uns, zum einzigen Mal auf dieser Reise, ein Gewitter auf freiem Feld. Innert kürzester Zeit sind wir völlig durchnässt und heilfroh, am Ziel anzukommen. Leider ist auch die Jurte nicht ganz wasserdicht. Glücklicherweise hört der Regen gegen Abend auf, so dass wir einige Sachen an der Wäschehänge, die rasch für uns errichtet wurde, trocknen können. Den Einheimischen scheint die Nässe nichts auszumachen. Die Familie hier ist jünger, hat aber auch schon ein halbwüchsiges Mädchen, das eifrig mithilft. Unsere Hilfe hingegen wird nicht geduldet.

Am Abend können wir den Sonnenuntergang und bald darauf den Aufgang des Vollmondes beobachten. Beides sind eindrucksvolle Schauspiele am tief liegenden Horizont. Aus vollen Herzen singen wir „Luegit vo Bärge u Tal“ und „Der Mond ist aufgegangen“.

Während der Nacht regnet es einige Male, aber es fallen keine Tropfen vom Jurtendach auf uns. Einmal bellen die Hunde wie wild, und in der Familienjurte entsteht einige Bewegung. Am nächsten Tag werden wir erfahren, warum.

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So, 01.08.04: Zurück ins Tal
Zum Bundesfeiertag zieht, wer hat, ein Leibchen mit Schweizerkreuz an, und Rosmarie steckt Fähnchen auf den Frühstücks-Griessbrei. Dann brechen wir mit 4 Pferden zum Moldo Bel Pass auf, wäh-rend des Aufstiegs die zunehmend weite Aussicht über diese einzigartige Landschaft geniessend und uns gleichzeitig von ihr trennend. Oben angelangt, werden wir vom Blick hinunter ins Tschajektal überrascht. Der oberste Teil des Abstiegs ist steil und mit Felsen durchsetzt, aber wir können ihn auf die-sen unglaublich starken und gewandten Pferden reiten. Meins, wohl etwas irritiert durch einen angehängten Rucksack, schert öfters aus; einen deswegen erforderlichen Abstieg über einen Felsen bezeichnet Walter später als „zirkusreif“. Was wir fast nicht fassen können: Der Pferdeführer Talgart ist in der vergangenen Nacht bei strömendem Regen allein mit den 4 Pferden hier herauf gekommen. Aber alles geht gut, und bald ziehen wir auf weniger steilem Pfad durch wunderprächtige Blumenhänge weiter.

Unten im Dorf Kysart können die Reiter lässig zwei Bäche durchqueren, während die Fussgänger über äusserst lottrige Brücklein kraxeln müssen. Wir langen in Talgarts Haus an und werden einmal mehr herzlich empfangen und – obschon mitten im Nachmittag – reichhaltig bewirtet. Die Kinder unterhalten uns mit Gesang zum Komus, dem dreisaitigen Zupfinstrument, und Akkordeon.

Uebernachten – selbstverständlich nicht ohne nochmals verköstigt zu werden – können wir im geräumigen Haus von Talgarts Bruder im Nachbardorf Doskulu; die einen in Betten, die andern auf komfortablen Matratzenlagern. Nach den Nächten dichten Nebeneinanderliegens in den Jurten wissen wir die Annehmlichkeiten und die Bewegungsfreiheit zu schätzen. Der Vulkan, den Rosmarie zum Bundesfeiertag mitgebracht hat, ist für alle eine Attraktion – nur für sie nicht, denn sie fühlt sich heute krank und liegt im Bett.

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Mo, 02.08.04: Zurück nach Bischkek
In Autos werden wir erst mal nach Kotschkor gefahren, finden uns bei den vertrauten Gastgeberfamilien ein, essen zu Mittag, säubern uns und übernehmen unsere Koffer wieder. Ein Besuch im Filzladen fehlt natürlich auch nicht. Weiter geht die Fahrt in den Autos von Kanybek und einem seiner Freunde. Etwas wehmütig nehmen wir, dem Stausee entlang fahrend, Abschied von Kotschkor und seiner Welt. Dann, auf der Hauptstrasse Richtung Bischkek, bleibt keine Gelegenheit mehr für Wehmut. Die abenteuerliche Fahrweise der Kirgisen, besonders das Ueberholen trotz Gegenverkehr, lässt uns öfters den Atem anhalten. Ueberdies benötigt unser klappriges Auto unterwegs einen Radwechsel, der allerdings zügig von Statten geht – es sind ja nur 3 statt 4 Radmuttern vorhanden. Kurz vor Bischkek fahren wir durch ein gewaltiges Gewitter mit stürmischen Winden. Den vielen Leuten, die der Strasse entlang Berge von Wassermelonen sowie andere Früchte und Benzin in Flaschen anbieten, scheint es allerdings nicht viel anzuhaben. Mitten in Bischkek, an einer stark befahrenen Kreuzung, versagen die Bremsen! Mit Mühe kann der Fahrer das Auto an den Strassenrand bewegen. Wir müssen in einem Taxi die restliche kurze Strecke zum Novi Nomad Reisebüro, dessen Adresse Annemarie glücklicherweise in ihren Unterlagen greifbar hat, zurücklegen. Dort erhalten wir die Schlüssel zu unsern Quartieren.

Wie wir später im vorgesehenen Restaurant zum Nachtessen eintreffen, gibt’s dort nichts: Der Strom ist beim Gewitter ausgefallen. Walter macht sich auf die Suche und kann uns kurze Zeit später nicht eine, sondern 5 Alternativen vorschlagen. Zu einer davon, einem noblen Gartenrestaurant, führt er uns dann auch, ohne dass sich die Gruppe explizit hätte dafür entscheiden können. Wir beobachten dort gerührt, wie rücksichtsvoll ein betrunkener Gast von den Rausschmeissern weggeführt wird.

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Di 02.08.04: In der Stadt
Dies ist der Abschlusstag in Bischkek. Am Vormittag besuchen wir, öffentliche Busse benützend, den ausgedehnten Oschmarkt. Alles kann man da kaufen: Kleider, Werkzeuge. Elektroinstallationsmaterial, Lebensmittel. In einer Halle entdecken wir farbenprächtige, einladend präsentierte Salate, Ge-würze und Früchte; in einer andern kann man Milchprodukte direkt trinken. Ein riesiges, appetitliches Fleischangebot findet sich in einer weiteren, dreiteiligen Halle. Und alles ist so billig. Man sollte sich bloss nicht, so wie ich, das Portemonnaie stehlen lassen. Belustigt beobachten wir dann im Stadzentrum, wie fleissig der Zaun um den Präsidentenpalast frisch gestrichen wird, obwohl er's noch gar nicht nötig hat.

Ueber Mittag haben Susanne und Walter nach all den Tagen einmal kurz Ruhe vor uns Touristen. Dann aber führen sie uns ins grösste Warenhaus, wo wir im Souvenirmarkt herum stöbern. Ein Museumsbesuch rundet den Stadttag ab. Im Kunstmuseum finde ich noch einmal Bilder dieser Landschaften, und ich weiss, ihre Weite wird mir fehlen.

Gemeinsames Nachtessen im Restaurant beschliesst den Tag. Wir tragen Susanne und Walter die Schnitzelbank, die wir ihnen zum Dank zusammengestellt haben, vor. Sie scheinen Freude daran zu haben.

Nach Mitternacht werden wir zum Flughafen gefahren. Mit der gleichen Maschine, in der wir nach Istanbul fliegen, kommt die nächste Touristengruppe an: 4 Simmentaler Bauern, die Susanne und Walter gleich übernehmen.

Ueber den Heimflug gibt’s nicht viel zu berichten. Wir sind erfüllt von all dem Erlebten und werden noch lange davon zehren.

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Ich danke herzlich:
  • den Kolleginnen in dieser Reisegruppe für ihre Flexibilität, Toleranz und stats gute Stimmung auch in strapaziösen Situationen
  • besonders aber dem Leiter-Ehepaar Walter und Susanne für die tadellose Planung, ihren grossen Einsatz, ihr unermüdliches Eingehen auf unsere Fragen, für die unzähligen Eindrücke, Erlebnisse und Begegnungen, die sie uns vermittelt haben
(c) August 2004, Silvio Mira, Wermatswil,  s.mira@bluewin.ch
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